« Nationale Identität » : Was heisst das ?
Für einen identitätsstiftenden Humanismus
Das Beispiel der schweizerischen Identität

Selim Matar- Genf
Leider ist das Thema “Nationale Identität” ein sensibler und politisierter Streitpunkt. Die Identität eines Volkes ist zuallererstein geographisches, historisches und kulturelles Phänomen, noch bevor es als ein politisches Dogma angesehen werden kann.
Die vorliegende Abhandlung versucht vor allem eine soziologische Realität zu analysieren und zu beschreiben. Wir wollen die folgenden zwei extremistischen Visionen vermeiden:
Der identitätsstiftende Nationalismus, der Hass schürt und isolationistisch ist.
Der nihilistische Humanismus, der - globalistisch und abstrakt - Eigenarten verkennt und sich über diese hinwegsetzt.
Wir hingegen befürworten einen “identitätsstiftenden Humanismus“, der sich für die kulturelle Vielfalt und die Anerkennung einer nationalen Identität innerhalb eines humanistischen und offenen Rahmens einsetzt - das beinhaltet die Akzeptanz von Minderheiten und aller Identitätsformen sowie Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber dem anderen.

Die drei Identitätschaffenden Grundelemente

In allen Zeiten und allen Orten, schaffen drei Grundelemente die Nationen und ihre Identität:
- die Geographie
- die Geschichte
- der Wille, sich zu unterscheiden
Diese beiden letzten Elemente sind zum grössten Teil von der Geographie abhängig.

1. Die geographische und umweltliche Komponente
Für das Individuum ist der Körper der Sitz seiner Identität, für eine Nation ist es dessen Land. Die Nationen, die in der Geschichte ihren festen Platz haben, haben alle natürliche Grenzen, welche sie auszeichnen und sie von den benachbarten Ländern abgrenzen. Ohne den Nil wäre Ägypten nur ein weiterer Teil der Wüste Libyens. Ohne den Euphrat und den Tigris wäre der Irak (Mesopotamien) nur Bestandteil der Arabischen Wüste. Wenn nicht das Mittelmeer wäre, wären die arabische Welt und Europa eins, und ohne die Pyrenäen würden Frankreich und Spanien nur eine einzige Nation bilden.

2. Geschichte und Vermächtnis
Die Nationen besitzen ihre eigene kulturelle und psychologische Identität, welche durch deren eigene Geschichte und Erbe geprägt ist; diese selbst wiederum sind mit den geographischen und umweltlichen Eigenheiten wie z.B. den Bergen, den Ebenen, den Wäldern, den Steppen, den Meeren und den Sümpfen verbunden. Ein Land, das von Berglandschaften geprägt ist, wird eine vollständig andere Wesensart haben und historische Ereignisse vollkommen anders verarbeiten als ein Wüstenland oder ein Küstenstaat.

3. Das Identitätbewusstsein der Eliten
So wie der Kopf den menschlichen Körper steuert, regieren die politischen, kulturellen, ökonomischen und religiösen Eliten das Volk. Das Bewusstsein der eigenen nationalen Identität der Eliten spielt eine entscheidende Rolle bei der Nutzung der natürlichen Standortbedingungen und des historischen Erben, um eine Nation zu schaffen und deren Einheit und Kontinuität zu bewahren.

Die Eigenschaften der Schweizerischen Identität
Wenn man über das Thema « Schweizer Identität » spricht, hört man oft den gleichen Refrain:
«Die Schweiz ist eine künstlich geschaffene Nation, die ihre Existenz der Absprache der großen Mächte verdankt, die sie umgeben»!
In der vorliegenden Abhandlung werden wir das Gegenteil beweisen, nämlich dass die Schweiz kein Kunstgebilde ist, sondern alle Voraussetzungen einer natürlich gewachsenen Identität erfüllt.
Bis heute haben diejenigen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, nur unzureichend die drei obenerwähnten Identitätschaffenden Grundelemente berücksichtigt.
Geht man von den obenstehenden Ansätzen aus, lässt sich feststellen, dass die Schweiz und deren Identität vor allem das Produkt ihrer Geographie und der ihr eigenen Umgebung ist.
Die Schweiz setzt sich zusammen aus dem Schweizer Mittelland, das im Osten mit einer Bergkette abschliesst (die Alpen), die 61 Prozent ihrer Oberfläche ausmacht.
Im Westen grenzt das Mittelland an den Jura, der zwölf Prozent der Oberfläche einnimmt.
Diese geographische Gegebenheit hat bei der Bildung der Schweiz und deren Identität eine entscheidende Rolle gespielt. Die Schweiz gäbe es nicht ohne den Jura. Sie wäre ein Teil Frankreichs gewesen, so wie sie ohne die Alpen Teil Italiens gewesen wäre.
Was das Schweizer Mittelland betrifft, so nimmt es etwa 30 Prozent der Gesamtoberfläche des Landes ein, beginnend mit Genf im Süden, bis hin zu Zürich und Thurgau im Norden. Im Laufe der gesamten Geschichte diente es als natürliche und wertvolle Durchgangszone zwischen dem südlichen latinen Teil Westeuropas und dem germanischen nördlichen Teil Europas.
In diesem Mittelland hat sich die Schweizer Identität gebildet, denn das Mittelland war der Schmelztiegel, in dem sich die Bewohner der Alpen und des Jura begegneten.
Als Portal zwischen dem Süden und Norden Europas war es nur natürlich, dass sich das Mittelland in einen französischsprachigen Teil im Süden und in einen deutschsprachigen Teil im Norden aufteilte.
Da das Mittelland historisch gesehen immer als Transitzone für die Bewohner und Armeen - von Hannibal bis Napoleon - diente, brachte es Einwohner mit einer aufgeschlossenen und dynamischen Mentalität mit Sinn für Unternehmertum hervor. Diese geographische und umweltliche Besonderheit hat bei der Ausformung der fünf folgenden Grundzüge der Schweizer Identität eine wesentliche Rolle gespielt:

1. Eine zweifältige Persönlichkeit: die der Berge und die der Ebenen
Die Schweizer Identität ist das Ergebnis der Mischung zweier entgegengesetzter und komplementärer Eigenschaften und zwar
a. Die Persönlichkeit der Bergvölker, besonders die der Alpen, die eine Mehrheit gegenüber die des Juras darstellt. Sie bezeichnet sich aus durch eine Tendenz zur Zurückhaltung, Verschlossenheit und Selbstbezogenheit, zur Isolation und zur Vorsicht gegenüber dem Andersartigen, daneben aber auch durch Robustheit, handwerkliches Geschick, Perfektionismus, Sinn für das Praktische, Widerstandsfähigkeit und Standfestigkeit.
b. Die Persönlichkeit der Bewohner der Ebenen, beziehungsweise die der Bewohner des Schweizer Mittellandes, die sich durch Dynamik, wirtschaftliches Denken, Diplomatie und Unternehmergeist charakterisiert, denn diese Bewohner waren an Fremde, Veränderungen und Fortentwicklungen ausgesetzt.
Diese Zweifältigkeit hat dazu beigetragen, der Schweizer Identität deren wichtigste Qualität zu verleihen:
Eine Wesensart, die Widerstandsfähigkeit, Perfektionismus, die Besinnung auf sich selbst der Bergvölker mit Dynamik, dem Sinn für das Wirtschaftliche und der Offenheit der Bewohner der Ebenen vereint. Diese Komplementarität macht die Stärke der Schweizer Identität aus.

2. Die Neutralität
Die Schweiz und Österreich sind die einzigen Länder Westeuropas, die keine Küste haben. Wohingegen Österreich, deren Ebenen zum Osten Europas hin offen sind, ihren Mangel, über den Seeweg Eroberungsfeldzüge vornehmen zu können, durch territorialen Landgewinn innerhalb Europas ausgeglichen hat, die ihr die Reichsbildung ermöglichten, ist die Schweiz nicht nur eines Meerzugangs beraubt, sondern ist auch von grossen Bergketten umgeben. Das hat sie zwar vor Invasionen Fremder bewahrt, aber zugleich daran gehindert, sich auszudehnen und an den kolonialen europäischen Eroberungszügen teilzunehmen. Diese Unfähigkeit liegt keinesfalls an ihrer Grösse; die Niederlande und Belgien, zwei Länder die noch kleiner sind, dürfen sich, dank des Meeres, zu den grössten Kolonialmächten zählen.
Diese geographische Eigenheit - das fehlende Meer - hat der Schweiz einen bedeutsamen Wesenszug verliehen, der aus ihr in ganz Westeuropa etwas Besonderesmacht: Die Neutralität!
Da sie an den Eroberungsambitionen und Konflikten der sie umgebenden Mächte nicht teilhaben konnte, hat sie sich in ihren Aussenbeziehungen darauf beschränkt, sich aus Konflikten, die an deren Grenze wüteten, herauszuhalten. Dieses Beziehungsgefüge hat sich ausserhalb der Logik bestehender Kräfteverhältnisse nach dem System «Herrscher oder Beherrschter» herausgebildet. Es beruht auf dem Prinzip der Gleichheit und der Suche nach gegenseitigen Interessen.
Es ist daher kein Zufall, dass das Rote Kreuz in der Schweiz gegründet wurde, dass sie internationale Organisationen beherbergt und dass die internationalen Menschenrechtskonventionen und Friedensverträge unter ihrer Schirmherrschaft unterzeichnet wurden. Sie hat das nicht aus einer romantischen Motivation oder aus einer humanistischen Berufung heraus getan, sondern eher aus ihr unbewussten Beweggründen: nämlich getrieben von dem Wunsch, ihre Unfähigkeit, am grossen Spiel, an den Eroberungen und Kriegen ihrer Nachbarn teilhaben zu können, mit dem Gegenteil zu kompensieren, nämlich mit der Förderung friedlicher Streitbeilegung, mit Hilfe und Unterstützung für Kämpfer.

3. Die Kunst, mit den Stärksten zu manövrieren
Die Neutralität der Schweiz ist relativ, denn sie bleibt eine kleine Nation, die von kriegerischen und expansionistischen Nationen umgeben ist. Sie ist daher gezwungen, ihre doppelten natürlichen Qualitäten einzusetzen: Kraft und Dynamik, um sich zu schützen und sich zu stärken.
In alten Zeiten hat sie die Kraft ihrer bergigen Natur und die Tapferheit ihrer Bürger ausgenutzt. Die Schweiz war zwar ein Zwergstaat, aber ein Staat, mit dem die grossen Mächte wegen der Schlagkraft ihrer Bataillone rechnen mussten, und ein Staat, der an der Seite der Macht kämpfte, die am besten zahlte. Es waren nicht nur einzelne Individuen, die beschlossen hatten, ihr Geld als Söldner zu verdienen. Die Schweizerische Eidgenossenschaft konnte auch durch die Zürcher Tagsatzung über die Teilnahme ganzer Schweizerbataillonen an kriegerischen Auseinandersetzungen bestimmen. Es ist vorgekommen, dass den Schweizern Gebiete zugesprochen wurden, gegen das Versprechen, dass sie diese oder jene Macht nicht unterstützen würden. Das war eine Art, Gebiete zu erobern. Die Schlacht bei Marignano (1515) ist ein Beispiel für den besonderen Umfang der militärischen Verpflichtung der Schweizer: in dieser Schlacht fielen zwischen 8000 und 14000 Schweizer Soldaten zum Opfer, die Mailand gegen die Franzosen und Venetier verteidigten[1]. Die damalige Kunst, militärisch mit den Stärksten zu manövrieren, wurde nach und nach über den Finanzplatz Schweiz eine wirtschaftliche Kunst.

4. Die Suche nach Konsens und die Ablehnung von Charisma
Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, wenn nicht das einzige, das weder Könige noch Prinzen hervorgebracht hat! Die Schweiz wurde de facto immer gemeinschaftlich regiert, abgesehen von einigen wenigen Gebieten, welche von Freiherren und Fürsten beherrscht wurden. Diese Abwesenheit eines «starken Mannes» lässt sich zweifellos durch die schweizer Mentalität erklären, die charismatische Persönlichkeiten ablehnt. Bis heute hat sie weder den Aufstieg politischer Führungsfiguren, wie z. B. einen Präsidenten, zugelassen, noch von Persönlichkeiten mit religiöser oder kultureller Reputation, die einen grossen Einfluss auf die Bevölkerung haben könnten. Dies erklärt sich vielleicht aufgrund der bergigen Natur des Grossteils des Landes: Die Verständigung und Verbindungen zwischen den bewohnten Gebieten waren mühsam, denn sie lagen verstreut in vielen Tälern und voneinander durch nur schwer zu überwindende Hindernisse getrennt. Eine solche Konstellation begünstigte nicht die Ausbildung einer verbindenden und verbindlichen Persönlichkeit. Allein die Städte des Mittellandes hätten eine solche Persönlichkeit hervorbringen können, aber die bergige Komponente des Schweizer Wesens, das stolz ist, kollektivistisch und sich weigert, von einer Person geführt oder dominiert zu werden, hat das nicht zugelassen.

5. Der Pazifismus
Im Laufe der Zeit hat sich die Tendenz zum Pazifismus und zur Neutralität in der Schweizer Mentalität beträchtlich verfestigt. Es ist kein Zufall, dass sich die Schweiz seit mehreren Jahrhunderten von den Nationen Westeuropas unterscheidet, welche verheerende Kriege miterleben mussten: Bürgerkriege und internationale Kriege, wie beispielsweise die Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken und die napoleonischen Kriege, daneben Revolutionen und die zwei Weltkriege! Inmitten dieser Nationen aus Feuer und Blut konnte sich die Schweiz erstaunlicherweise vor Bürgerkriegen schützen und sich aus internationalen Konflikten heraushalten.
Den letzten Krieg, den sie erleben musste, war der Sonderbundskrieg (1847), ein Bürgerkrieg, der weniger als hundert Soldaten das Leben gekostet hatte, ohne Opfer in der Zivilbevölkerung zu hinterlassen![2]Der Führer der Armee, der General Dufour, verdient es, als ein Beispiel für humanes Handeln erwähnt zu werden. Er hatte seinen Soldaten das folgende befohlen: «Ich vertraue euch daher die Kinder, die Frauen, die Alten und die Priester an. Derjenige der Hand an eine schutzlose Person legt, verliert seine Ehre und beschmutzt die nationale Flagge»[3].

6. Die Vielsprachigkeit, Zeichen der Schwäche oder der Stärke ?
Abschliessend sei angemerkt, dass dieses Argument oft als Beweis für die Schwäche des Schweizer Wesens ins Felde geführt wird; es kann aber genauso gut als Stärke ausgelegt werden. Der Grossteil der Nationen war historisch betrachtet vielsprachig, aber diese haben eine einzige Sprache durchgesetzt. Dagegen haben die dynamische Natur des Staates und der Schweizer Eliten diese Vielsprachigkeit immer auf humane und demokratische Art zu steuern gewusst.
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ـSelim Matar, schweizer Schriftsteller und Iraker, wohnhaft in Genf:http://urlz.fr/Mjw
 
Übersetzt aus dem Französischen ins Deutsche von Nadine Fischer